Würden Sie sich bei Ihrer eigenen Firma bewerben?

Würden Sie sich bei Ihrer eigenen Firma bewerben?
Inhaltsverzeichnis 7 Abschnitte

Warum dieser Test mehr taugt als jede SEO-Analyse

Es gibt einen Test, den fast keiner macht und der mehr verändert als jede technische Auswertung Ihrer Website. Sie setzen sich für zehn Minuten in die Rolle einer Person, die sich gerade fragt, ob sie bei Ihnen arbeiten möchte - und gehen Ihre eigene Karriereseite durch wie ein Fremder.

Das klingt simpel und ist es nicht. Wer die eigene Seite gebaut oder beauftragt hat, sieht sie nie wieder mit fremden Augen. Sie wissen, wo die Stellen stehen, weil Sie sie selbst eingepflegt haben. Sie erkennen die Bilder, weil das Ihre Mitarbeiter sind. Sie übersehen die Lücken, weil Ihr Kopf sie automatisch füllt. Eine Bewerberin sieht das alles zum ersten Mal - und entscheidet in den ersten Sekunden, ob sie bleibt oder zurückgeht.

Die acht Fragen in diesem Beitrag sind so geordnet, wie ein Bewerber durch Ihre Seite läuft. Erst sucht er, dann scrollt er, dann liest er, dann entscheidet er. Wenn Sie sie ehrlich durchgehen, haben Sie am Ende eine konkrete Liste, an welcher Stelle Sie eingreifen sollten. Das ist mehr Erkenntnis als die meisten Audits liefern - und es kostet außer Zeit gar nichts.

Die acht Fragen, sortiert nach dem Weg des Bewerbers

Frage 1: Findet sich Ihre Karriereseite in fünf Sekunden?

Tippen Sie Ihren Firmennamen in Google. Klicken Sie auf Ihr erstes Ergebnis. Suchen Sie die Karriereseite - nur durch Klicken, ohne URL-Tippen. Wenn Sie sie nicht in fünf Sekunden finden, finden sie auch Bewerber nicht. Häufige Fehler: „Karriere" versteckt unter „Über uns", Karriere-Link nur im Footer, Karriere als unsichtbares Dropdown-Untermenü.

Frage 2: Sind die offenen Stellen aktuell und konkret benannt?

Sobald Sie auf der Seite sind, schauen Sie auf die Stellen. Stehen die Stellen aktuell oder stehen sie seit zwei Jahren? Sind sie konkret benannt - „Installateur Villach, Vollzeit" - oder generisch wie „Mitarbeiter (m/w/d)"? Eine Karriereseite mit alten oder leeren Stellen-Listen wirkt schlechter als eine ehrliche „aktuell nichts offen, Initiativbewerbung gerne".

Frage 3: Stehen die Konditionen, die Sie beim Mitbewerber suchen würden?

Suchen Sie auf der Seite drei Dinge: Gehaltsangabe oder mindestens KV-plus-Zulagen-Hinweis, Arbeitszeiten, Sachleistungen wie Firmenauto oder Werkzeug. Wenn Sie sie nicht finden, wissen Sie, was ein Bewerber nicht findet. Und Sie wissen, dass Ihr Mitbewerber, der diese Dinge hinschreibt, einen Vertrauenshebel gegen Sie hat.

Frage 4: Würden Sie den Leuten auf den Bildern vertrauen?

Schauen Sie sich die Bilder an. Sind das echte Personen aus Ihrem Betrieb oder Stockfotos? Stehen Vornamen und Funktion darunter? Wirken die Bilder aus dem letzten Jahr oder aus dem Jahrzehnt davor? Ein Bewerber, der Stockfotos erkennt, hat ab dann eine reservierte Haltung gegenüber allem Weiteren auf der Seite. Echtheit zählt mehr als Bildqualität.

Frage 5: Wissen Sie nach dem Lesen, wie Ihre erste Arbeitswoche aussehen würde?

Lesen Sie die Stelle, auf die Sie sich „bewerben" würden, einmal langsam durch. Wissen Sie am Ende, wer Sie am Montag empfängt, wo Sie anfangen, mit wem Sie fahren, womit Sie arbeiten? Wenn die Stellenanzeige nur aus Aufgaben-Spiegelstrichen und Anforderungs-Listen besteht, ist die Antwort: Sie wissen es nicht. Bewerber bewerben sich aber genau für eine konkrete Arbeitsrealität, nicht für eine Stellenliste.

Frage 6: Können Sie sich am Handy in unter drei Minuten bewerben?

Holen Sie Ihr Handy. Öffnen Sie die Karriereseite. Klicken Sie auf „Bewerben" und füllen Sie das Formular probehalber aus - mit eigenen Daten, nichts wirklich abschicken. Funktioniert der Datei-Upload mit einem Foto aus der Galerie und einem PDF aus dem Mail-Anhang? Sind die Pflichtfelder klar markiert? Brauchen Sie länger als drei Minuten? Wenn ja, haben Sie gerade gespürt, was Ihr potenzieller Bewerber spürt.

Frage 7: Bekommen Sie eine Antwort, und wissen Sie wann?

Sobald Sie das Formular abgeschickt hätten - steht auf der Bestätigungs-Seite ein konkretes „Sie hören bis Donnerstag von uns" oder nur ein „Vielen Dank, wir melden uns"? Steht eine Telefonnummer für Rückfragen prominent neben dem Formular? Wer ein konkretes Antwort-Versprechen sieht, geht beruhigter aus der Seite. Wer keines sieht, fragt sich, ob die Bewerbung im Nirgendwo landet.

Frage 8: Was unterscheidet diesen Betrieb von den anderen drei in der Region?

Lesen Sie auf der Seite einen Satz, der Sie glauben lässt, dass es bei diesem Betrieb anders ist als beim Nachbarn? „Wir sind ein junges dynamisches Team" zählt nicht. Konkrete Aussagen zählen - wie „Keine Wochenenddienste außer Notfallbereitschaft", „Firmenauto auch privat", „Weiterbildung wird bezahlt". Wenn Sie diesen Satz nicht finden, hat Ihr Mitbewerber den Vertrauensvorsprung gewonnen, bevor das Bewerbungs-Formular überhaupt offen ist.

Was Stefan bei seinem Selbst-Test gefunden hat

Stefan, Installateur in Kärnten mit 14 Mitarbeitern, hat den Test letzten Herbst gemacht. Mit gemischtem Ergebnis.

Frage 1 hat er bestanden - „Karriere" stand klar im Hauptmenü. Frage 2 halb: die Stellen waren da, aber zwei davon waren seit über einem Jahr offen, ohne Kommentar warum. Frage 3 ist er hart durchgefallen: kein Wort zu Lohn, Arbeitszeit oder Firmenauto, obwohl genau das seine echten Pluspunkte gewesen wären.

Frage 4 hat ihn überrascht. Die Bilder waren echt - Stockfotos hatte er nicht - aber sie waren von 2019, zwei der drei abgebildeten Personen waren längst nicht mehr im Betrieb. Wirkung auf einen Bewerber: irritierend bis befremdlich. Frage 5 hat er bestanden, weil er ohnehin gewöhnt war, mit Bewerbern beim Erstgespräch die erste Woche durchzugehen - das hatte er auch in die Stellenanzeige geschrieben. Frage 6 war ein Desaster: am Handy verdeckte die Tastatur das Senden-Button-Feld, sodass er es selbst nicht fand. Frage 7 ohne Antwort-Versprechen, Frage 8 mit dem Standard-„modernes Familienunternehmen"-Satz.

Sechs Fragen mit klarem Verbesserungs-Bedarf, zwei bestanden. In den drei Monaten nach den Anpassungen kamen mehr Bewerbungen, ohne dass am Inseratsbudget etwas geändert wurde - einfach weil die Seite Fragen beantwortet hat, die vorher offen waren. Mehr zur strukturellen Lösung steht im Beitrag zu den acht Bausteinen einer Karriereseite, die Bewerber bringt.

Welche Frage am häufigsten scheitert

Aus der eigenen Audit-Praxis gibt es drei Fragen, die in den meisten KMU-Karriereseiten schlecht abschneiden.

Frage 3 (Konditionen) ist der häufigste Ausfall. Die Hemmung, Gehalt oder konkrete Sachleistungen zu nennen, ist groß - meistens unbegründet, weil die Konkurrenz die Marktrange ohnehin kennt. Das Risiko, durch Schweigen Bewerber zu verlieren, ist deutlich höher als das Risiko, durch Offenheit Mitbewerber zu informieren.

Frage 6 (Mobile-Bewerbung) ist die zweithäufigste Schwachstelle. Sehr viele Bewerbungs-Formulare wurden am Desktop gebaut und nie am Handy getestet. Das fällt im normalen Betrieb nicht auf, weil der Inhaber selten am Handy auf die eigene Karriereseite geht - Bewerber tun das fast immer.

Frage 8 (Unterscheidung) scheitert nicht an mangelnder Differenzierung, sondern an mangelnder Konkretisierung. Viele Betriebe haben echte Vorteile gegenüber dem Branchen-Standard - sie schreiben sie nur in Floskeln statt in konkreten Sätzen auf. Wer „flache Hierarchien" durch „du redest direkt mit dem Chef, weil es nur einen gibt" ersetzt, hat den gleichen Inhalt in glaubwürdiger Form.

Was Sie nach dem Test mit den Ergebnissen machen

Eine ehrliche Test-Liste mit drei Spalten ist die brauchbarste Ausgangslage für den nächsten Schritt. Nehmen Sie sich die „passt nicht"-Punkte vor, sortieren Sie sie nach Aufwand, fangen Sie mit dem leichtesten an.

Konditionen ergänzen kostet eine Stunde Schreibarbeit und einen Abend Überlegung, was Sie eigentlich konkret bieten. Mobile-Formular testen lassen kostet einen halben Tag bei jemandem, der weiß, was er tut. Antwort-Versprechen formulieren kostet zehn Minuten - plus die Disziplin, es dann auch zu halten. Team-Bilder erneuern kostet entweder ein Foto-Shooting oder einen Nachmittag mit Smartphone bei gutem Licht.

Wer alle „passt halb"-Punkte zu „passt"-Punkten macht, hat in wenigen Wochen eine Karriereseite, die deutlich besser performt - ohne neue Software, ohne neuen Designer, ohne neues Budget für Inserate. In manchen Fällen ist allerdings die Seite gar nicht das eigentliche Problem - mehr dazu, wann eine Karriereseite kein Recruiting-Problem löst.

Häufige Fragen

Wie lange dauert der Selbst-Test wirklich?

Acht bis fünfzehn Minuten, wenn Sie sich konzentriert auf die Fragen einlassen und nicht in „aber-bei-uns-ist-das-anders"-Erklärungen ausweichen. Wer ehrlich notiert, was er sieht statt was er weiß, ist schneller fertig, als er glaubt. Die eigentliche Arbeit kommt danach: die „passt nicht"-Punkte in eine Liste mit nächsten Schritten zu verwandeln.

Sollte ich den Test selbst machen oder jemanden im Betrieb fragen?

Beides bringt Erkenntnis, aber unterschiedlich. Sie selbst entdecken Lücken, die im Alltag verschwinden. Eine fremde Person außerhalb Ihres Betriebs - etwa der Steuerberater, die Nachbarin, der Sohn Ihrer Schwester - sieht Dinge, die Sie längst gewohnt sind. Im Idealfall machen Sie den Test selbst und bitten danach eine außenstehende Person um eine zweite Runde.

Was, wenn ich bei sechs von acht Fragen scheitere?

Das ist häufiger der Normalfall als die Ausnahme. Die meisten KMU-Karriereseiten sind über Jahre gewachsen, ohne je systematisch geprüft worden zu sein. Wer von sechs ausstehenden Baustellen weiß, hat den schnellsten Hebel direkt vor sich - jede einzelne Verbesserung wirkt sofort, Sie müssen nicht alles auf einmal anpacken.

Muss ich die Karriereseite nach jeder Änderung neu testen?

Nein. Einmal pro Jahr ein voller Selbst-Test, plus eine kurze Prüfung nach größeren Anpassungen, reicht in den meisten Fällen aus. Wer Stellen aktualisiert oder eine neue Mitarbeiterin im Team-Bild ergänzt, muss nicht den ganzen Test durchlaufen - diese Routine-Pflege gehört in den Quartals-Rhythmus.

Was kostet eine professionelle Karriereseiten-Prüfung?

Realistisch zwischen rund 200 und 600 Euro für ein einmaliges Audit mit dokumentierter Liste konkreter Maßnahmen, je nach Umfang. Wer das selbst macht mit den acht Fragen aus diesem Beitrag, kommt auf ähnliche Erkenntnisse - die externe Prüfung lohnt sich vor allem dann, wenn die Umsetzung der Maßnahmen ebenfalls in fremde Hände gehen soll und Sie eine klare Briefing-Grundlage brauchen.

Was Sie diese Woche tun können

Blocken Sie sich fünfzehn Minuten im Kalender, holen Sie sich Stift, Papier und Ihr Handy, und gehen Sie die acht Fragen einmal ehrlich durch. Notieren Sie bei jeder Frage „passt", „passt halb", „passt nicht". Was Sie am Ende vor sich haben, ist der konkreteste Plan für die nächste Iteration Ihrer Karriereseite, den Sie in einer Viertelstunde bekommen können.

Wer den Schritt vom Test zur strukturellen Überarbeitung gehen will, findet die übergeordnete Einordnung in der Übersicht zu Karriereseiten, die Bewerber bringen - inklusive der Frage, welches Modell zu Ihrem Betrieb und Stellenaufkommen passt.

Wie geht es weiter?